Vom gemeinsamen Miteinander

Auto gegen Fahrrad, anstatt Auto gemeinsam mit dem Fahrrad. Was den Kindern der kapitalistischen Wettbewerbswelt bereits seit dem Kindergarten eingebleut wird und sich fortan bis in alle Lebensbereiche zieht, wird folgerichtig und konsequent als Erwachsene auf den Straßen ausgelebt. Geistige Weiterentwicklung zu einem gemeinsamen Miteinander? Nur zu oft Fehlanzeige.

Wie gefährlich in einem solchen Klima Radfahren im Straßenverkehr sein kann, wissen alle, die täglich auf dem Bike unterwegs sind. Das »Duell« Autofahrer gegen Radfahrer ist ungleich, denn wenn motorisierte Gefährte mit Gewichten von mehr als einer Tonne gegen schlappe 80 Kilogramm antreten, ist das kein Spiel mehr – immer wieder missbrauchen Autofahrer (in der Regel sind dies tatsächlich Männer) ihre Masse-Überlegenheit für unfaire bis gefährliche Fahrmanöver: Ohne jede Rücksicht werden Wege abgeschnitten, mit zu geringem Abstand überholt oder ganz einfach unachtsam gefahren und gnadenlos die Vorfahrt genommen.

Primitivste Triebe

Betrachtet man dieses zumeist männliche Gebaren aus soziologischer und psychologischer Sicht, manifestieren sich primitivste Triebe als Antrieb solcher Handlungen. Allein die Tatsache, dass Räder auf der Fahrbahn fahren, bringt einige Autofahrer in Rage. In Foren liest sich das so: »Ich hupe Radfahrer immer an, wenn sie so ein Verhalten an den Tag legen.« oder »Das mach ich auch. Wenn sie sich erschrecken ist es besonders lustig.« Ha ha! Wenn sich im Netz Anleitungen finden, wie man die Auto-Scheibenwaschdüsen auf der Beifahrerseite so einstellt, dass neben dem Auto radelnde »getauft« werden, dann mag dies noch als Kinderei verbuchbar sein. Wenn hingegen aber ein Unfall zwischen Auto und Rad im ›Freaksearch-Forum‹ mit »Haste nachgetreten? Finalen Rettungsschuss angesetzt? Zwei Warnschüsse in den Rücken? Radfahrer muss man ausrotten, wo immer und wann immer man sie trifft.« kommentiert wird, dokumentiert dies schlicht Dummheit ebenso wie Verrohung und macht klar, dass solch ein Mensch niemals die Erlaubnis hätte bekommen dürfen, ein Fahrzeug zu lenken, mit welchem er so leicht sehr großen Schaden anrichten kann.

Mag solch dokumentierter Mangel an sozialer Intelligenz vielleicht keine Allgemeingültigkeit bekunden, ist dieses defekte Denken und Fühlen dennoch in seinen diversen Abstufungen täglich ortbar. Es geht um viel: Es ist die letzte Bastion gefühlter und durch die Werbung der Autoindustrie eingetrichterte Freiheit/Freiraum in Gefahr – je länger Autofahrer hinter einem Fahrrad herfahren müssen, desto gereizter reagieren sie beim Überholen oder beim Zusammentreffen an der nächsten Kreuzung. »Überholen, Vollgas geben und schön einräuchern.«, ist die Strategie eines ›Motor-Talk‹-Teilnehmers. Wenn sich das schlichte Gemüt in seiner persönlichen Freiheitsausübung eingeschränkt fühlt, wird es zum Arschloch gegenüber dem anderem, und die Tatsache, dass die persönliche Freiheitsausübung durch einen vermeintlich schwächeren eingeschränkt wird, ist derbei das Startsignal zum (dummen) Handeln. Was weit verbreitet fehlt, ist Gelassenheit, welche im täglichen Konkurrenzhandeln dieser Gesellschaft zwangsläufig auf der Strecke bleibt.

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Der Blick auf das Armaturenbrett bringt den Blick in die Geisteswelt des Besitzers. Wie muss Mensch ticken, um so etwas cool zu finden?

Dass all diese »erzieherischen Maßnahmen« durch den Autofahrer am Radfahrenden häufig nicht nur gefährlich sind, sondern auch strafrechtliche Relevanz haben, wird von Rechtsexperten und Polizei immer wieder betont – Autofahrer werden vor solchem »Maßnahmen« gewarnt. Aber auch ganz allgemein hat sich die veränderte Rechtssituation im Straßenverkehr für den Radverkehr noch nicht bei allen Autofahrenden herumgesprochen: Jeden Tag zeigt sich, wie viele von ihnen bis heute denken, dass Räder jeden Radweg zu benutzen haben, direkt neben dem Kantstein zu fahren haben oder das Radschutzstreifen grundsätzlich vom Auto befahren werden dürfen usw.

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Mir gehört nicht nur die Fahrbahn, sondern die ganze Stadt. Wenn der SUV gesaugt werden will, dann rollen die Panzer eben auch auch den Gehweg.

Die Frage die sich der Radfahrerin und dem Radfahrer stellt ist, wie wir auf all dies reagieren sollen. Wie sollen wir cool und freundlich bleiben, wenn wir Tag ein Tag aus entweder aus Unüberlegtheit oder gar aus Vorsatz in für unser Leib und Leben gefährliche Situationen gebracht werden? Dem Arschloch den Spiegel abtreten oder ihm zeigen, dass radelnde Menschen in der Regel fitter und sportlicher sind bringt nichts und es würde zudem bedeuten, sich auf dieses Homo neanderthalensis-Niveau zu herab zu begeben. Was also sollen wir tun?

Konsequentes Handeln auf allen Ebenen

Wollen wir intelligent handeln, bleibt uns nur, unsere Rechte konsequent einzufordern, dafür einzutreten und über sie aufzuklären – ob auf unseren täglichen Touren oder im Gespräch. Aber nicht nur das – gleichfalls sind wir gegen die Untaten der Blech-Panzer nicht schutzlos: Die Rechtslage steht eindeutig zu unseren Gunsten. Hier die ganz klare Ansage: Nutzt das Recht aus, steht ein für euer Recht! Werdet ihr genötigt und oder gefährdet, stellt einen Strafantrag (Aufforderung zur Strafverfolgung) wegen Nötigung im Straßenverkehr, Gefährdung des Straßenverkehrs und aller in Frage kommenden Tatbestände bei der Staatsanwaltschaft oder der Polizei! Auf jeden Fall solltet ihr dies tun, wenn ihr zu zweit oder noch mehr Zeugen seid – vielleicht habt ihr sogar noch ein Foto vom Fahrzeug gemacht. Schildert den Sachverhalt, benennt die Zeugen und stellt am Ende als Geschädigte einen Antrag gemäß § 406d Abs. 1 StPO und bittet um die Mitteilung des Geschäftszeichens, die telefonische und schriftliche Erreichbarkeit des zuständigen Sachbearbeiters bzw. Sachbearbeiterin und die Mitteilung über den Fortgang und Ausgang des Verfahrens.

Den strafrechtlichen Weg zu gehen ist kein Hexenwerk und bringt zwei gewinnbringende Aspekte mit sich, die nicht zu unterschätzen sind! Zum einen wird der Beschuldigte oder die Angeklagte mit dem eigenen Handeln, ganz gleich des Ausgangs des Verfahrens, unangenehm konfrontiert und kommt vielleicht (auch nur) so zur Einsicht über das eigene Fehlverhalten – und sei es nur durch Strafe oder der Angst vor Strafe. Zum anderem zeigt ein verstärktes Aufkommen solcher Fälle den Strafverfolgungsbehörden auf, dass hier Handlungsbedarf besteht und seitens Polizei, Ordnungsämter und ggf. durch Politik und öffentliche Organe präventiv mehr getan werden muss, um solcherlei gefährlichen Fehlverhalten entgegen zu treten.

Wichtig ist halt, dass wir handeln! Handeln heißt aber ebenfalls mit gutem Beispiel voran zu gehen: Wir wollen keine Räder auf Gehwegen sehen – hier werden die noch ungeschützteren, die zu Fuß gehenden, durch uns gefährdet. Ebenso wollen wir keine Rad-Rambos sehen, die sich genau so asozial verhalten, wie die motorisierten Spatzengehirne (auf euch können wir verzichten!). Geht mit gutem Beispiel voran, fahrt defensiv und rücksichtsvoll, zeigt mit jedem Pedal-tritt, dass ihr die cooleren, sozialeren und besseren seid! Haltet die rudimentären Verkehrsregeln ein (ja, natürlich wissen wir es – viele Regeln die für den Autoverkehr gemacht sind, sind für den Radverkehr tatsächlich unsinnig – dennoch schreiben wir dieses) – nur so können wir vorteilhaft Werbung für das Radfahren machen!

Wir wollen die Welt positiv verändern – reclaim the streets!

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Mehr als nur eine Art der Fortbewegung – es ist eine Lebensart die immer mehr angesagt ist. Sei aktiv, sei ein Teil der Zukunft!
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Warum der Radverkehr NICHT mehr bei Rot halten sollte

Kein Öl, keine CO2-Emissionen, keine krankmachenden Auspuffgase, kein Lärm – Radfahren ist zweifellos die optimalste Fortbewegungsvariante für Klima und die allgemeine Gesundheit. Es ist längst an der Zeit, ihm auch rechtlich den entsprechenden Rahmen zu geben. Verkehrsplaner gehen neue Wege.

In der Stadt mit dem Rad unterwegs zu sein ist nicht nur Verkehrs- und zeittechnisch gesehen die optimalste Bewegungsform. Radfahrende bekommen eine wahre Sauerstoffdusche für Zellen und Gehirn, Herz-Kreislauf-Störungen wird präventiv vorgebeugt – das Risiko einer solchen Erkrankung wird um das 20-Fache gesenkt, der Fettstoffwechsel wird angeregt. Es hilft die »Gelenkgesundheit« zu erhalten, da durch die gleichmäßige Bewegung die Knorpel mit Sauerstoff versorgt werden, das Krebsrisiko wird gesenkt (sofern diese nicht den Abgasen von Verbrennungsmotoren ausgesetzt sind) – bei Frauen senkt sich das Brustkrebsrisiko um 34 Prozent, die psychischen Funktionen und die allgemeine Leistungsfähigkeit wird gestärkt, es hilft präventiv gegen Rückenleiden und ganz allgemein leben Radfahrende länger (sofern sie nicht von Blech auf vier Rädern umgenietet werden) – sie weisen eine 40 Prozent niedrigere Sterberate auf, als nicht-Radfahrende.

Smog durch Industrieproduktion in China. ©Fredrik Rubensson / CC BY-SA 2.0 (via Wikimedia Commons)
Kieler Werftstraße ©Fredrik Rubensson / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Theoretisch ist Radfahren also wunderbar. Auf jeden Fall für Strecken bis 10 km Länge kann jeder sofort, und sei er noch so untrainiert, an diesem Jungbrunnen teilhaben und nebenbei auch noch aktiv das Klima mit retten. In den Niederlanden und Dänemark ist all dies eine Selbstverständlichkeit – und hier? Hier leider nicht. In Deutschland spukt noch breit angelegt in den Köpfen irgendwas von »wer das Fahrrad benutzt, der mache dies nur, weil er arm, alt oder arbeitslos sei« oder anders – »wer Rad fährt, der hat zu viel Zeit und zu wenig Geld.« Die klassische, deutsche Überheblichkeit eben und so gibt es also noch einiges zu tun, um Radfahren auch in solchen Köpfen als das was es ist zu verankern – das einzig vernünftige Individualverkersmittel, was zudem auch noch vollkommen kostenlos gesünder und glücklicher macht.

Diskriminierende Verkehrsplanung

Und es tut sich was. Aktuell ist es bekannt, dass die aktuelle Verkehrsplanung für Fuß- und Radverkehr diskriminierend ist. »Ampeln, wie wir sie kennen, wurden nur dazu entwickelt, um den Autoverkehr durch dicht bewohntes Gebiet zu lotsen. Störfaktoren wie zu Fuß Gehende und Rad Fahrende sollten aus dem Weg geräumt werden. Der Mobilitätsforscher Ulrich Leth, von der TU Wien, erklärte bereits 2015: »Sie haben hingegen Regeln bekommen, die sie alleine nicht hätten – das ist Diskriminierung«. Anstatt das allgemeine Geschwindigkeitsniveau am schwächsten Glied – dem zu Fuß Gehenden – zu orientieren, wird dieser »Störfaktor« einfach an den Rand des öffentlichen Raums gedrängt, zu »seiner Sicherheit«. Dieser darf die Fahrbahn nur noch an dafür ausgewiesenen Stellen überqueren, meist ohne den versprochenen Schutz am Schutzweg zu erfahren. Auch der Radverkehr wird gesetzlich auf oft viel zu schmale Mehrzweckstreifen gezwungen, die sie allein durch ihre Anlage in Lebensgefahr bringen – von rechts durch sich öffnende Autotüren, von links durch viel zu knapp überholende Kfz. Kurz: Die Leichtigkeit und Flüssigkeit, oft auch die Sicherheit des nicht motorisierten Verkehrs, wird der Leichtigkeit und Flüssigkeit des Autoverkehrs untergeordnet.

Noch immer seien Ampelphasen zu starr, die Wartezeiten oft viel zu lang. »Das trägt nicht zur Regelbefolgung bei«, wertet Leth den Ist-Zustand. Leth ist der Überzeugung, dass der Radverkehr nicht an allen roten Ampeln halten sollte, denn Radfahrernde sind durch die fehlende Knautschzone von Natur aus schon viel aufmerksamer und haben zudem einen besseren Überblick, eben weil diese keine Motorhaube, A- und B-Säulen haben und sich so an Kreuzungen viel besser optisch orientieren und herantasten können. Der Radverkehr kann Kreuzungsbereiche unmittelbarer einsehen, hört herannahende Gefahrenquellen viel besser, als Autofahrende und kann in Sekundenbruchteilen beschleunigen und abbremsen, da der Radverkehr durch seine viel geringere Masse kaum Trägheit und ein geringes Gefährdungspotenzial besitzt. Hingegen sind Autolenker durch ihre Cockpit-Sicht in ihrer visuellen und akustischen Wahrnehmung massiv beeinträchtigt und können niemals so schnell und flexibel wie Nichtmotorisierte reagieren.

Revolution der Verkehrsplanung auch in Deutschland?

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Fahrräder gehören im Allgemeinen auf die Straße – nicht nur auf Fahrradstraßen!

Nicht nur Leth, sondern auch andere Mobilitätsforscher fordern deshalb inzwischen, dass die Innenstädte für den Radverkehr unbedingt attraktiver werden müssen – ähnlich wie bereits sehr erfolgreich in Kopenhagen oder Amsterdam. Sogar in London wurden bereits große Fahrradstraßen angelegt (wir berichteten auf Facebook). Und so gebe es in Brüssel und Basel bereits Pilotprojekte, wo Radfahrer auch bei roten Ampeln rechts abbiegen dürfen. Auch die gelben Pfeile in Paris, an denen Radfahrer auch bei Rot abbiegen dürfen, sind eine große Attraktivitätssteigerung. In Frankreich sind schon ausgesprochen viele Kreuzungen entsprechend gekennzeichnet. Ein generelles Legalisieren des Rotfahren bietet übrigens das ›Idaho Stop Law‹ (aus dem Jahre 1982) aus dem US-Bundesstaat Idaho. Es erlaubt Radfahrern, Ampeln wie Stoptafeln und Stoptafeln wie Nachrangtafeln zu behandeln.

Mobilitätsforscher fordern ein Umdenken bei der Verkehrsführung und -planung, auch damit die Eigenverantwortung gestärkt wird.  Es müssten mehr Begegnungszonen geschaffen werden, in denen auf Grund der geplanten Unsicherheit die Verkehrsteilnehmer auf einander einlassen und respektieren müssen – dazu muss auf jeden Fall auch die Geschwindigkeit angeglichen werden.

Flexibilisierung der StVO

Aus all diesen Argumenten ergibt sich die Forderung nach einer Flexibilisierung der StVO für nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer. Konkret sollte es dem Radverkehr möglich sein, Stopptafeln wie Nachrangtafeln zu behandeln und diese, ohne stehenbleiben zu müssen, zu überfahren. Ebenso sollen Fußgänger und Radfahrer rote Ampeln überqueren dürfen, solange sie nicht sich oder die bevorrangten Verkehrsteilnehmer gefährden oder behindern.

Bei diesen Forderungen handelt es sich um die sinnvolle Legalisierung vom bereits weitverbreiteten Verhalten, rote Ampeln – immer unter Berücksichtigung der Sicherheit aller Beteiligten – zu überqueren. Es ist schließlich nicht nachvollziehbar, wieso die Leichtigkeit und Flüssigkeit des Fußgänger- und Radverkehrs durch Auto-Ampeln eingeschränkt werden sollten, wenn es kein Gefährdungspotenzial gibt. Weil es für Nichtmotorisierte aufgrund ihrer Fortbewegungsart gefahrlos möglich ist.

Ampeln sind dafür da, den Autoverkehr sicherer und flüssiger zu machen. Es ist nicht einzusehen, warum sich Radfahrerinnen und Fußgänger dem unterordnen sollten.

„Fahr rechts du Arsch!“

©Francisco Welter-Schultes / CC0 1.0 (via Wikimedia Commons)
©Francisco Welter-Schultes / CC0 1.0 (via Wikimedia Commons)

Ist sicher eine der unangenehmeren Äußerungen, die gelegentlich aus Kraftfahrzeugen zu Fahrradfahrenden heraus gebrüllt werden.
Diese und die allermeisten anderen belehrenden Bemerkungen sind allerdings sachlich meist komplett falsch und entspringen eher aus einer erlebten Ohnmacht, mit dem Auto hinter einem langsameren Radverkehr das eigene Selbstverständnis als »Straßenbesitzer« nicht mehr ausleben zu können.

Es ist also Zeit für eine kleine Nachschulung, denn solcherlei Äußerungen zeugen zum einen von einem erheblichen Theoriedefizit und sind zum anderen ziemlich peinlich für die sie verbalisierende Person. Aus diesem Grund beleuchten wir gern auf unserer neuen Unterseite »Kleine Nachschulung für Theoriedefizite« einige der größten Irrglauben im Bezug und Relevanz auf den Fahrradverkehr und stellen diese richtig.

Viel Spaß!