Mit dem (e)-Rad für das Ende der Auto-Normativität

Das hier gilt es gemeinsam zu verhindern.
Das hier gilt es gemeinsam zu verhindern.

Wir, die sich jeden letzten Freitag des Monats zur gemeinsamen Ausfahrt versammeln, wollen die Stadt lebenswerter machen. Dies kann nur funktionieren, wenn der Individual-Kraftfahrzeugverkehr zurückgedrängt wird. Dieser aber genießt bis heute, angesichts anachronistischer Klientelpolitik mit dem Blick durch die Windschutzscheibe, vorrang. Nicht nur umwelt- und klimatische Aspekte drängen zum Umdenken, sondern auch soziale Aspekte. Wir sollten alle verbrennungsmotorlosen Bike-Möglichkeiten für den Wandel nutzen.

Vielleicht sind aufmerksame Leserinnen und Leser über das Vorhandensein des »(e)« in der Überschrift gestolpert, denn in der Regel treten wir ja alle am liebsten selbst auf die Kurbel. Ja, es gibt sogar einige Puristen, die Elektroräder ablehnen – ganz so, als würde damit das klassische Fahrrad kaputt gemacht werden. Dies verwundert mich ehrlich gesagt ein wenig, denn unser Hauptziel ist, dass mehr geradelt werden muss. Und genau hier sind E-Bikes eine zusätzliche, super Option, denn sie bringen viele Leute aufs Rad, die vorher Auto gefahren sind.

Ein Selbsttest

Zugegeben, so ein bisschen »Warmduscher-Muff« duchwehte schon meinen Kopf, als ich mir vorstellte, einmal selbst aufs E-Bike zu steigen. Auf der anderen Seite reizte es mich, mich genau diesem Vorurteil einmal zu stellen, und so entschloss ich mich todesmutig im Selbstversuch, die November-Critical Mass als »warmduschender Pedelec-Fahrer« zu fahren. Erste Frage – woher nehmen und nicht stehlen? Nico und Steffen von der Fahrradschmiede Wellingdorf stellten mir kurzerhand eines ihrer Vorführ-Pedelecs zur Verfügung (vielen Dank nochmals dafür). Dabei hatten sie vermutlich auf mein Jammern ein Einsehen – es war nicht eines der üblichen Langweiler-Pedelecs, auf dem »Oma- und Opa« umhertuckern, sondern es handelte sich um ein Conway Cross-Rad (Bilder und Daten zum Pedelec am Ende des Artikels), welches recht sportlich daherkam und so das Unbehagen in mir beim Besteigen des Sattels in Grenzen hielt.

Meine Erfahrungen

Am Donnerstagabend holte ich das Pedelec ab und am Samstagmittag gab ich es zurück. Insgesamt bin ich mit dem Teil 55 km gefahren, was offenlegt, dass ich neben der November-Mass noch andere Strecken austestete. Von Anfang an zeigte sich – ein Pedelec macht Laune! Beim Pedelec (Pedal Electric Cycle) unterstützt ein elektrischer Hilfsantrieb mit bis zu 250 Watt die Tretbewegungen des Fahrers, bis zu einer Höchstgeschwindigkeit von maximal 25 km/h (bei meinem Rad laut Tachometer lag die Höchstgeschwindigkeit bei 26,5 km/h). Je nach dem, welcher Modus gewählt wird, fällt die Unterstützung durch den Motor mehr oder weniger stark aus. Der ›Turbo-Modus‹ hatte mitunter eine ganz besonders unwiderstehliche Anziehungskraft und so war es schon atemberaubend, wie schnell ich eine Geschwindigkeit aus dem Stand auf 26,5 km/h erlangt hatte. Dabei war es übrigens nahezu bedeutungslos, ob ich auf gerader Strecke fuhr oder eine Steigung bewältigen musste. Ein Tritt in die Pedale und das Teil ging ab! Ich musste echt schauen, dass ich beim Hochschlalten hinterher kam. Ein Beispiel: Bei der Fahrt ›Ziegelteich‹ hoch Richtung ›Exerzierplatz‹ habe ich mit dem normalen Rad bisher noch nie die grüne Welle geschafft – jetzt fuhr ich wie am Schleppseil gezogen mit E-Höchstgeschwindigkeit den Berg hoch und kam bei »Unverpackt« ohne Ampelhalt an. Das war schon klasse – wenn man es denn eilig hat.

Der ständig abrufbare E-Kick war dabei so aufregend, dass es mich richtiggehend nervte, wenn ich ab 26,6 km/h durch die (verdammte) Antriebsabschaltung genötigt wurde, die gesamte Fortbewegungsenergie wieder komplett alleine aufbringen zu müssen. Bei einem Rad, was rund 20 kg wiegt, keine besondere Freude und die Frage hämmerte durch meinen Kopf: Warum nicht 30 oder 35 km/h? Zudem erschien mir das eigenständige Treten deutlich anstrengender, als wenn ich mit einem meiner »normalen« Räder oberhalb dieser Geschwindigkeit fahre – allerdings ist auch keines meiner Räder so schwer.

Mein Fazit

Trotz des Spaßfaktors würde ich persönlich keine rund 2500 Euro für ein solches Elektrorad ausgeben, da ich auch längere Strecken und Steigungen (je nach Tagesform gern) aus eigener Kraft bewältige. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass das Elektrorad für eine große Anzahl von Menschen eine sehr gute Alternative zum Auto darstellt und es ihnen ermöglicht Wege zu fahren die sie mit dem antriebslosem Fahrrad nicht oder nur schwer, oder nur mit unerwünschten Nebenwirkungen (bspw. starkes Schwitzen auf dem Weg zur Arbeit), bewältigen würden bzw. könnten. Auch beim Transport von schweren Lasten oder beim Kindertransport – der gesamte Bereich »Lastenräder« gewinnt durch den E-Antrieb erheblich an Fahrt – ist das E-Bike eine sinnvolle Option.

Wir alle wissen, das verkehrstechnische Problem der Welt ist zweifelsfrei das Auto, mitsamt seiner mächtigen Industrie, der Ölbranche und den politischen Seilschaften drumherum. E-Räder sind eindeutig ein weiteres gutes, manchmal vielleicht auch nur ergänzendes Angebot für eine autofreie Mobilität. Alles, was einen Ausweg aus der ungesunden und zerstörerischen Auto-Normativität protegiert, ist meiner Meinung nach willkommen. Das »System Auto« muss zerschlagen werden, und wenn möglich nicht repressiv, sondern mittels sinnvoll zur Verfügung gestellter Alternativen, die dem Umstieg noch leichter machen. Das bedeutet gleichzeitig natürlich auch, dass es bessere Rahmenbedinungen zum (e)-Radfahren geben muss – nicht nur punktuell, sondern Flächendeckend. Und zu guter letzt soll bemerkt sein, dass Puristen mit den (noch) wenigen E-Radlern nicht über »reine Lehre« streiten sollten.

ebike01

ebike02

ebike03

ebike04

ebike05

ebike06

 


Allgemeine Infos zu E-Rädern

Es gibt E-BikesPedelec (Pedal Electric Cycle) und S-Pedelec.

Das (echte) E-Bike kann mittels eines Gasgriffs auch ohne Treten bewegt werden. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit liegt bei 20 km/h. Rechtlich gesehen gilt ein E-Bike als Leichtmofa und bedarf daher einer Betriebserlaubnis und ist versicherungspflichtig.

Beim Pedelec (Pedal Electric Cycle) unterstützt ein elektrischer Hilfsantrieb mit bis zu 250 Watt die Tretbewegung des Fahrers. Bei Geschwindigkeiten von mehr als 25 km/h schaltet sich der Zusatzantrieb des Pedelecs ab. Ein Pedelec gilt rechtlich als Fahrrad, unterliegt keiner Helmpflicht und darf auf Radwegen gefahren werden.

Der Antrieb des S-Pedelec darf eine Leistung von bis zu 500 Watt haben. Die Höchstgeschwindigkeit eines S-Pedelec liegt bei 45 km/h. Wie beim Pedelec darf der Motor nur bei gleichzeitigem Treten den Fahrer unterstützen. Ein S-Pedelec benötigt allerdings eine Betriebserlaubnis, ist versicherungspflichtig und der Fahrer muss zudem noch eine Fahrerlaubnis der Klasse M vorweisen.

Advertisements

Rückschau auf die August – Critical Mass

augustmassDie August – Critical Mass ist gelaufen. Regenfrei. Mehr noch. Sonne und Wärme gabs auch dazu. Gezählt wurden 273 Fahrerinnen und Fahrer – alle lebten abermals gemeinsam eine lebenswerte Stadt. Wie stets von Jung bis Alt.

Es war eine sommerliche Mass. Endlich. Lauter entspannte Menschen auf Rädern, zu Fuß und in der Regel auch in den Blechkisten. Viele nette Gespräche untereinander, Fahrerinnen mit Fahrern, Fahrer mit Fahrerinnen und von überhaupt von links nach quer. Ein besonderer Dank gilt den Musik-Rädern und natürlich auch den unermüdlichen Corkerinnen und Corkern, die den Zug absichern! Danke, Freunde!

Zur Strecke

Nach längerer Zeit besuchte die Mass mal wieder lang und ausgiebig das Ostufer – über die Gablenzbrücke, Karlstal, den gesamten Ostring, Franziusalle, Poppenrade vorbei an HGG und den Beruflichen Schulen Gaarden, auf die Preetzer Straße und direkt über diese und Kaistraße wieder runter/rein in die City auf dem Westufer. Hier ging es weiter über den Wall, Kiellienie, Querung der Feldstraße in die Mercatorstraße und über die Holtenauer Straße wieder zurück Richtung Süden Richtung in die Innenstadt. Noch ein Schwenk in den Knooper Weg um letztlich zum Ende über Schützenwall, Kronshagener Weg, Ziegelteich und Sophienblatt wieder zum Startpunkt zurück zu gelangen.

Eines noch

Wer ab und an mal am Ende des Zuges mitfährt, erlebt mitunter interessante Phänomene – Autos, insbesondere aber Motorroller oder gar Motorräder, welche hinter dem Zug/Verband herfahren, aber natürlich nicht zum Zug/Verband gehören, bleiben nicht an ›roten Ampeln‹ stehen, welche der Zug/Verband selbst ja als »ein Fahrzeug« überfahren darf, sofern das Führungsfahrrad des Zuges die Kreuzung bei (ursprünglich) »grün« passierte. Nein, unsere motorisierten Freunde gleiten einfach mit dem Zug/Verband über (für sie) rot – und begehen somit definitiv eine Ordnungswidrigkeit, welche in diesem Falle, da die Ampel idR meist schon länger als 1 Sekunde »rot« zeigt, mit 200 Euronen und 2 Punkten in Flensburg als Minimum geahndet wird. Bleibt also besser stehen versucht schon gar nicht in den Zug einzufahren, da dann nämlich noch »mit Gefährdung« hinzukommt! Noch mal zum Mitschreiben: »Mehr als 15 Radfahrer stellen zusammen grundsätzlich einen geschlossenen Verband dar. Dieser muss genau wie ein geschlossener Verband aus Kraftfahrzeugen vom übrigen Verkehr als einzelner Verkehrsteilnehmer behandelt werden, die Radfahrer dürfen nebeneinander fahren und nicht überholt werden. Das Einfahren in einen solchen Verband ist verboten.«

Wir freuen uns schon heute auf den 30. September! 🙂

Kommentare sind immer gern gesehen und wer möchte kann gern Fotos schicken (oder an/auf die Facebook-Site).